Der moralische Offenbarungseid der Fintechs

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Als um das Jahr 2009 herum in Deutschland und der Welt die sogenannte Finanzkrise tobte und sich die Politik anschließend eher halbherzig mit der juristischen und moralischen Aufarbeitung der Abgründe befasste, dachten wir, wir hätten nun alle Ganoven und Schlawiner des Anlagegeschäfts gesehen und könnten fortan wieder beruhigt zu Bank oder Versicherung gehen und den einst hoch angesehenen Bankkaufleuten guten Gewissens unser Geld anvertrauen – so wie früher.

Nun, im Jahr 2020, müssen wir leider feststellen, dass die Bernie Madoffs und die Dirk Jens Nonnenmachers Enkel im Geiste bekommen haben. Die heißen heute zum Beispiel Jan Marsalek und werden per internationalem Haftbefehl gesucht.

Betrügereien auf „Weltklasse-Niveau“

Ja, Deutschland hat mit dem Fall Wirecard nun einen internationalen Finanzskandal, der die Causa Hypo Alpe Adria weit in den Schatten stellt. Über Jahre hinweg sind in dem „Fintech“-Unternehmen offenbar Luftbuchungen vorgenommen worden und Vermögenswerte in Milliardenhöhe haben schlussendlich gar nicht existiert. Mit Wirecard-Vorstand Jan Marsalek wird nun nach der mutmaßlichen Schlüsselfigur des Wirtschaftskrimis gefahndet, andere Verdächtige des Managements befanden sich bereits zwischenzeitlich in Gewahrsam, es wird fieberhaft ermittelt. Mammutprozesse werden folgen.

Immerhin. Denn es mehren sich inzwischen Hinweise, wonach die Behörden schon länger gewusst oder zumindest geahnt haben, dass im Hause Wirecard nicht nur – so der eigentliche Geschäftszweck – artig und akkurat Zahlungen abgewickelt wurden. Dabei scheint es so, als seien sowohl in Deutschland bei der Finanzaufsichtsbehörde Bafin, als auch beim Zoll, wie auch in internationalen Geheimdienstkreisen Versäumnisse zu beklagen. Letztlich hätte der Wirecard-Sumpf viel früher ausgehoben werden müssen. Stattdessen wurde das Thema mindestens zu einem nachhaltigen Imageproblem für die deutsche Finanzbranche, die sich zuletzt mit solchen Fintechs wie Wirecard oder N26 international wieder einen Namen machte.

Apropos N26: Die hippe Online-Bank ist zwar (hoffentlich) kein zweites Wirecard, aber auch dort tun sich dieser Tage irritierende moralische Abgründe auf, die zu denken geben. Da haben sich doch zwischen den Kickern und Wasserspendern in den Büroräumen des Start-ups tatsächlich einige Mitarbeiter überlegt, gemäß des in Deutschland geltenden Betriebsverfassungsgesetzes einen Betriebsrat für N26 zu wählen. Das ist ein völlig normaler und logischer Schritt, wenn ein Unterbehmen wächst und sich professionalisiert. Doch das N26-Management hat offenbar etwas gegen Demokratie und betriebliche Mitbestimmung und greift zur Verhinderung der Betriebsratswahlen ganz tief in die Schmuddelkiste der juristischen Betriebsratsverhinderung. Nachdem eine vorbereitende Wahlversammlung wegen angeblicher Hygienebedenken kurzfristig gerichtlich gestoppt wurde, scheiterte das N26-Management jetzt mehrmals gerichtlich mit Attacken gegen einen Wahlvorstand aus dem Kreise der Belegschaft. Während sich die Online-Bank in ihrem durchaus einschlägigen Vorgehen offenbar von sogenannten „Betriebsratskiller“-Anwälten beraten lässt, wird die Belegschaft von N26 von der Gewerkschaft ver.di unterstützt. Für die Dienstleistungsgewerkschaft ist das natürlich eine gute Gelegenheit, ihr zuletzt schwaches Standing in der Bankenbranche zu verbessern. Die jüngsten Tarifverträge waren eher mager und da ist gute Publicity hoch willkommen. Das ist aber kein Grund, die Behinderung der Betriebsratswahlen durch N26 zu relativieren, denn das kann schlicht und ergreifend ein Straftatbestand nach Betriebsverfassungsgesetz sein.

Demokratie? Gern auf der Straße, aber nicht in der Bank

Schon jetzt ist der Schaden für das Start-up größer als ein vermeintlicher Nutzen im Falle einer Betriebsratsverhinderung gewesen wäre. Der Shitstorm im Internet ließ nämlich nicht lange auf sich warten. Nutzer schrieben Kommentare wie: „Wer da jetzt noch ein Konto hat, ist selber schuld“.

Auch hausintern dürfte der Scherbenhaufen, den das durchgestylte N26-Management hinterlassen hat, kurzfristig kaum aufzukehren sein. Denn wie soll man als Betriebsrat mit einer Geschäftsführung vertrauensvoll zusammenarbeiten, wenn selbige schon dessen Wahl mit fragwürdigen Methoden verhindern will? Es ist daher gar nicht mal abwegig, wenn N26-Chef Stalf „Konfliktpotenzial“ durch einen Betriebsrat im eigenen Haus sieht. Aus seiner Sicht. Denn tatsächlich birgt der Betriebsrat aus Sicht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Konfliktlösungspotenzial und ist die letzte Hoffnung zur Verbesserung der dem Vernehmen nach großen Unzufriedenheit beim Personal im Unternehmen.

Was lernen wir daraus? Leider vor allem, dass die Finanzbranche auch knapp 12 Jahre nach der globalen Finanzkrise offenbar noch immer ein Moral- und Ethik-Problem hat. Im Falle der Resozialisierung eines Kriminellen würde der Bewährungshelfer jetzt wohl entnervt das Handtuch werfen. So einfach ist es hier aber nicht. Die Finanzbranche ist und bleibt systemrelevant. Wir müssen und werden uns weiterhin kritisch mit ihr auseinandersetzen.

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